Türl Numma FÜNFE: Drama, Baby!

In Wien gibt es eine – meines Er- und Betrachtens – ganz großartige Veranstaltung mit dem klingenden Namen „Tagebuch-Slam“. Ganz kurz nur: Dabei sitzen Menschen verschiedensten Alters (ich glaub‘ der Älteste, den ich jemals lauschen durfte war 90) auf einem starbucksesquen Ohrensessel auf der Bühne, vor ihnen ein kleines Tischlein, neben ihnen eine Lampe und vor ihnen ein Mikrofon. Letzteres Utensil kommt zwar nicht so dermaßen oft in Schlafzimmern vor (kann auch sein, dass ich mich da täusche – ich meine, who knows schon?!), aber es ist halt eben notwendig, damit die Menschen auf der Nicht-Bühne auch hören können, was die Menschen auf der Bühne aus ihren ehemaligen, mit Schlössern gesicherten, geheimisumwobenen Heiligtümer vorlesen. Und das sind Geschichten, die sich meistens in Teenager-Jahren abgespielt haben. Oh ja. Jeder, der dieser Tätigkeit in dieser Altersspanne auch einmal nachgegangen ist, weiß, wie sich das dann ungefähr liest. Nachdem ich das erste mal ins TAG in der Gumpendorferstraße zu diesem Battle aller Battles mitgenommen wurde, zerrte ich auch gleich mein Tagebuch aus ungeahnten Tiefen hervor.

Ich dachte, ich kann mich erinnern, was da alles so passiert ist. Auf jeden Fall war ich mir sicher, dass meine damaligen Probleme tatsächliche Probleme waren. Natürlich im Gegensatz zu all den Geschichten, denen ich gerade lauschen durfte. Das war ja alles Kindergarten, Kindergeburtstag, ja von mir aus auch eine Kindergartengeburtstagsfeier. Ich meine, ich war doch bitte nicht so ein typischer Teenager. Von Hormonen geplagt. Von Pickeln heimgesucht. Und von Pseudoproblemen pseudodeprimiert. Naaaaahein. Ganz sicher nicht. Energisch kopfschüttelnd öffnete ich die erste Seite. Begann zu lesen. Meine Augen wurden dabei immer größer. Meine Sicherheit immer kleiner.

Heilige Scheisse. Dramatisch ist ja nicht einmal mehr ein Hilfsaudruck. Ich schwöre, ich habe mich selten so gut mit mir selbst amüsiert. Das klingt viel trauriger als es ist. Und vielleicht ist auch die Wortwahl wieder einmal ungewollt nicht die günstigste (obwohl mir das mit dem ungewollt sowieso keiner mehr abkauft, was ich absolut nicht verstehe). Einer meiner liebsten Einträge ist der über Moulin Rouge. Weißt eh. Dieser Musical-Frauenfilm mit der Kidman Nicole und dem McGregor Ewan. Meine Analyse dieses Meisterwerks war einwandfrei, tiefgründig und absolut objektiv. „Mah, das ist so gemein. Wieso darf die Kidman mit dem herum machen bitte? Ich weiß, das ist nur filmischer Natur. Aber die hat ja eh schon den Tom Cruise. Der ja auch nicht unbedingt unscharf ist. Blöde Arschkrampn. Was hat die Kidman, was ich nicht habe?“ Öhhhhhhhhhhm.

Wie mein Hirn und ich jetzt dazu kommen dir das zu erzählen? „Kann ja nicht ernsthaft was mit Musik zu tun haben. Es sei denn sie hat Nirvana erst durch Moulin Rouge entdeckt. Was ziemlich ziemlich sehr traurig wäre. Und man absolut, v.a. als musikliebendes Etwas, nie, auf gar keinen Fall, unter keinen Umständen und sowieso gar nicht gegenüber keinem zugeben sollte. Schon gar nicht öffentlich. Und für ziemliche lange Zeit verschriftlicht konserviert. Oh hell no!“ Nein eh nicht. Das würd ich nie zugeben. Räusper.

Eleganter Themenwechsel: Die Zeilen „Ich würde dir gerne schreiben, wie aufregend nicht alles ist. Aber hier ist mal wieder recht wenig passiert“ von Shy aus Linz haben mich beim ersten Vernehmen derselben genau an meine dramaturgisch einwandfreie Darstellung meines Teenager-Daseins erinnert. So richtig geil finde ich es von meinem Vergangenheits-Ich ja eigentlich, dass es anscheinend gewusst hat, dass wieder mal recht wenig passiert ist. Und dass das, was es da gerade schreibt und womit es dem Zukunfts-Ich mindestens ein metaphorisches Ohr abkaut, absolut nicht erwähnenswert ist. Ansonsten hätte es sich nicht andauernd (und das wiederum mehrmals) gerechtfertigt mit „Es ist bescheuert, ich weiß. Aber ich bin 16…ich darf das.“ Also, danke an Shy, dass ihr es musikalisch so schön auf den Punkt gebracht habt. Das muss ich unbedingt mal meinem Vergangenheits-Ich vorspielen.

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